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Kühle Gefühlsverstärker
Ennetbaden / Bilder von Tomas Gerber in der Photogalerie 94

Die Bilder Tomas Gerbers , die bis 29. April 2001 in der Photogalerie 94 zu sehen sind, fesseln durch ihre Unmittelbarkeit und wurden in einer alten/neuen Art des Wahrnehmens gestaltet.

Viele ambitionierte Fotografen verwenden höchste und neueste Technik als Werkzeug für gestochen scharfe Fotos. Nicht so Tomas Gerber, der seine Bilder mit einer billigen, chinesischen Spielzeugkamera, einer Holga 120S, fotografiert. Die Plastikkamera will indes mit Filmen im professionellen Mittelformat gefüttert werden. Gerber, ein fotografischer Autodidakt, lebt in Zofingen, ist gelernter Typograf und arbeitet seit 15 Jahren als Journalist für Tageszeitungen und internationale Magazine.

Die Bilder wirken durch technisch bedingte Vignettierungen manchmal wie ein Blick durchs Schlüsselloch. Man hat sie «coole Emotionsverstärker» genannt, «die den surrealen Kosmos in teilweise unscharfer oder verzerrter Perspektive abzeichnen». Teilweise wirken die Bilder wie «aus der Hüfte geschossen», sie schneiden Personen die Köpfe ab und drücken dennoch Augenblicke des Alltags, manchmal sogar mit Tiefsinn, aus. So jene alternde Bikiniträgerin, die nicht weit entfernt von einem Abfallkübel am Strand von Copacabana steht. Das Bild gehört zur Serie «Schön und reich», welche wohlhabende Zeitgenossen plötzlich nicht mehr beneidenswert macht.

Die Fotos zeigen ungeschönte Wirklichkeit mit einem Funken Ironie, einer Prise Humor. Auch treffende Titel sind als Bestandteil der fotografischen Arbeiten zu betrachten. «Rastlos» nennt Tomas Gerber Bilder von Leuten, die sich auf einem Halt Fastfood ins Fenster eines Autocars oder Zuges reichen lassen. Während viele Fotos in Brasilien aufgenommen wurden, bilden Momentaufnahmen in Schweizer Kleinstädten einen Gegensatz. «Louvre» nennt sich das Geschäft in einem tristen Gebäude das in einer amerikanischen Vorstadt zu stehen scheint. Mit viel Understatement bezeichnet er Studien von Palmwedeln als «Grünzeug». Hier wagte der Fotograf ein weiteres Experiment, indem er die Aufnahmen auf «Konica Monochrome»-Kleinbildfilm aufnahm, so dass die Perforierung des Films mitbelichtet wurde.

Weil der schlichte manuelle Filmtransport Doppelbelichtungen zulässt, hat der Fotograf aus der Not eine Tugend gemacht. Er belichtet zarte Landschaften und triste Vorstädte übereinander und erreichte in mehreren Versuchen traumhafte oder collagenhafte Bilder. Ein grosser Teil Gerbers Bilder sind schwarzweiss. Er weiss Farbe aber auch als raffiniertes Gestaltungsmittel einzusetzen, wie bei den brasilianischen Fussgängerstreifen in Gelb und Orange, über die flinke Mädchenbeine eilen. Tomas Gerber hat im letzten Jahr bereits einige Einzel- und Gruppenausstellungen bestritten. Fünf bis sieben Fotos werden regelmässig als E-Mail unter bildmaterial@freesurf.ch publiziert.

- Gisela Hoffmann, Aargauer Zeitung, 5. 4. 2001

 

 

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